Die Fußgängerin - oder - Ich will nicht auf die andere Seite

 

Als Fahrschüler mit Prüfungsreife hat man gelernt,  beim Abbiegen auf  Fussgänger besondere Rücksicht zu nehmen.

Während einer Prüfungsfahrt hatte ich  diesbezüglich ein einmaliges Erlebnis, das ich euch nicht vorenthalten möchte.

Beim Abbiegen in einem Aussenbezirk unseres Prüfortes stand an einer Kreuzung eine ältere Dame, etwa zwei Meter von der  Bordsteinkante entfernt. Sie wartete bereits dort, als sie in unserem Blickfeld auftauchte; das war etwa seit dreihundert Metern der Fall. Meine Fahrschülerin bremste ziemlich hart, obwohl die Fußgängerin während der  ganzen Zeit unserer Annäherung keinerlei Anstalten gemacht hatte, die Fahrbahn überqueren zu wollen. Sie winkte der Dame zu und forderte sie auf, die Strassenseite zu wechseln. Nachdem das alte Mütterchen nach längerem  Zögern noch immer nicht reagierte, beugte sie sich ganz weit zu mir herüber und stützte sich mit dem Ellenbogen auf meinem Oberschenkel ab. Dabei schrie sie an meiner Nase vorbei:

 „Sie müssen jetzt gehen, ich habe heute Prüfung!"

Der Gesichtsausdruck der Fussgängerin war bemerkenswert. Sie starrte uns an,  als hätten wir alle einen Sprung in der Schüssel;  dabei  wanderte  ihr  Blick  unaufhaltsam  von einem zum anderen.  Meine Fahrschülerin fand sich nicht damit ab.  Sie fuchtelte mit  der freien Hand in der  Luft  herum und flehte  die Passantin an,  doch  endlich  ein  Einsehen  zu haben und die Strasse zu überqueren - ihr zuliebe.  Ich nickte der  alten  Dame  ebenfalls  zu und  daraufhin setzte  sie  sich  allmählich  in  Bewegung.  Sie betrat  die Fahrbahn zunächst ganz vorsichtig, wurde dann aber  immer schneller. Die letzten Meter bis zum  rettenden  Ufer  rannte  sie, so schnell es in ihrem hohen  Alter noch möglich war. Voller Misstrauen beobachtete sie uns auf ihrem Weg.  Keinen  Moment wollte sie uns aus den Augen verlieren, man wusste ja nie, was noch passieren würde.

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